Im Gemüsebeet wachsen sie alle zusammen, die Nationen dieser Welt. Als wäre es ganz normal. Und genau das ist es. Denn die Erde
diskriminiert nicht, schickt niemanden weg. Sie nimmt jeden Samen auf und gibt alles zurück, wenn man sie nur ordentlich durchharkt.
Mein Garten: Das ist echte, saftige Globalisierung im Beet. Elektrisch aufgeladene Geopolitik mit Spaten und Gießkanne. Da steht er zum Beispiel, mein Apfelbaum – gänzlich unschuldig tut er, als sei er urdeutsch, als gehörten ihm Streuobstwiesen, Herbstlaub und Kinderreime. Aber ich weiß es besser. Der Apfel ist ein Migrant. Ein herumgekommener Kerl aus den Ausläufern des Tian-Shan-Gebirges in Kasachstan. Und wenn man es genau nimmt, hat er sich seinen Weg nach Europa durch wilde Bestäubung und Zuchtlinien erschlichen, wie ein Casanova auf Bildungsreise. Jeder Apfel ist ein kleiner Lüstling aus dem Osten, der es bis in die Brotzeitdose meiner Tochter geschafft hat.
Die wahre Dirne ist die Tomate
Aber kommen wir zur wahren Dirne meines Gartens: der Tomate. Eine kugelige Verführung mit südamerikanischer Herkunft. Einst von den Azteken als „xitomatl“ verehrt – was so viel heißen soll wie „pralles Ding mit Nabel“ –, wurde sie von den Spaniern in die Alte Welt verschleppt. Was folgte, war nichts Geringeres als eine geschmackliche Revolution. Von Neapel bis Nizza gab es kein mediterranes Gericht ohne diese rote saftige Fruchtkugel. In meinem Garten wächst sie unter einem deutschen Folientunnel aus Kunststoff, der aus Saudischem oder Nigerianischem Erdöl verarbeitet wurde, mit Tropfbewässerung und Tomatendünger aus Oberfranken, marokkanischem Phosphor als Zutat. Globaler geht’s nicht.
Der Lauch daneben? Franzose mit Zwiebelallüren. Das Basilikum? Ein südländischer Charmeur mit Ursprung in Indien, der ständig mit der italienischen Küche anbandelt. Der Kürbis? Ein amerikanischer Muskelprotz mit orangener Haut, viel Platzbedarf und wenig Gesprächskultur. Allesamt Emigranten mit Hang zum Exhibitionismus, die in meinem Garten zusammenwachsen.
Was man als Kleingärtner so im Beet wässert, ist ein Spiegel der Weltgeschichte. Die Kartoffel zum Beispiel, diese Erdknolle aus Peru, hat sich über Jahrhunderte vom exotischen Außenseiter zur deutschen Küchenheiligen gemausert. Und das unter anderem, weil ihr ein preußischer König verfallen war. Mehrfach hat Friedrich II. (1712 – 1786) ihren Anbau in seinem Reich angeordnet, in seinen „Kartoffelbefehlen“ ließ er detaillierte Anleitungen zu Aussaat und Pflege festhalten. Heute liegt die Knolle als Salat auf dem Grillbuffet oder in Alufolien gewickelt in der Glut und hat keine Ahnung mehr von ihrer bedeutungsvollen Vergangenheit, in der sie Hungersnöte verhindert hat.
Ein Ort der Integration
Ich kann nicht anders: Wenn ich über mein Gemüsebeet gehe, sehe ich keine Pflanzen, sondern Geschichten. Der Mais steht da wie ein aufrechter amerikanischer GI, golden und selbstverliebt, bereit, alles zu bestäuben, was in Reichweite wächst. Die Aubergine daneben – eine orientalische Diva mit dunkler, glänzender Haut und Hang zur passiven Rolle. Und irgendwo dazwischen windet sich der Ingwer wie ein chinesischer Lustdämon durch die feuchte Erde, bereit, in irgendeinem Smoothie seine scharfe Note zu versprühen. Der Garten ist ein Ort der Integration, aber auch der Besetzung. Der Dill hat sich längst zwischen die Möhren geschlichen und beansprucht Boden, den er nie bestellt hat. Der Rucola, einst eine exotische Rakete aus Italien, breitet sich aus – scharf, dominant, schwer zu zügeln. Und wenn man nicht aufpasst, nimmt der Koriander das ganze Kräuterbeet ein – laut, parfümiert und ungefragt.
Trotzdem liebe ich ihn. Sie alle. Meine Migrantenpflanzen. Ohne sie wäre mein Garten eine fade Wüste aus Pastinaken, Kraut und Gerste. Ich will Vielfalt, Geschmack, Reibung. Ich will die Lust am Fremden, das Aroma der Ferne, den Schweiß der Geschichte in jedem Bissen. Denn wer will schon eine reinrassige deutsche Möhre, wenn er eine wildgewordene Karotte aus Afghanistan haben kann, die schmeckt wie ein tausendundeinnächtliches Abenteuer?
So wühle ich mich weiter durch mein Weltbeet und denke: Vielleicht ist der Garten das derzeit einzige echte Modell für Integration: sinnlich, durchlässig, lustvoll. Vielleicht beginnt der Weltfrieden im Komposthaufen.
Also, ihr Gärtner dieser Welt, vereinigt euch.
Pflanzt den Migrationshintergrund.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in „Bergwelten“ Magazin vom Münchner Merkur erschienen.